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Straßen.NRW-Magazin „news“
Pleitgen erwartet Metropolengefühl

Der ehemalige WDR-Intendant Fritz Pleitgen will als Chef der RUHR.2010 GmbH die Kulturhauptstadt zum Erfolg führen. Die Gestaltmanufaktur konnte ihn für ein Interview im Straßen.NRW-Magazin „news“ gewinnen.

news: Herr Pleitgen, erinnern Sie sich noch an Ihre Verabredung an der Autobahnraststätte Bottrop-Süd?

Pleitgen: Ja, sehr gut – Pressetermine an windigen Autobahnraststätten mit Kaffee aus Plastikbechern hat man ja nun auch nicht alle Tage. Wir haben damals die RUHR.2010-Autobahnschilder enthüllt.

news: Respekt für Ihr gutes Gedächtnis! Gekommen waren im September 2008 auch Ralf Pagenkopf, Geschäftsführer von Straßen.NRW, und der damalige NRW-Verkehrsminister Oliver Wittke, um mit Ihnen das erste Hinweisschild für die Kulturhauptstadt an der A 2 zu präsentieren. Was empfinden Sie, wenn Sie diese Schilder wiedersehen?

Pleitgen: Heute freue ich mich bei jeder Vorbeifahrt über diese Hinweise auf die Kulturhauptstadt an den Autobahnen des Ruhrgebiets. Da ich viel unterwegs bin, ist mir die Freude oft vergönnt. Die Schilder sind intensive Werbung für die Kulturhauptstadt, weil sie täglich von Hunderttausenden gesehen werden. Deshalb kann ich zufrieden feststellen: Die Investition hat sich gelohnt.

news: Haben Sie den Eindruck, dass die Menschen im Ruhrgebiet ein ausreichendes Bewusstsein dafür entwickeln konnten, was es bedeutet, Bewohner und damit auch Repräsentanten einer Kulturhauptstadt zu sein?

Fritz Pleitgen (Foto: Nikolaj Beier)  
Fritz Pleitgen erläutert die Ideen der Kulturhauptstadt.
   
Pleitgen: Die Menschen im Ruhrgebiet stehen für Solidarität, Direktheit, Toleranz, Vielfalt der Kulturen und Nationen. Der Ruhri von heute wird zwar noch stark von der Mythos-Mentalität geprägt, ist aber längst nicht mehr der Malocher unter Tage, sondern modern und zukunftsorientiert, offen für Neues, ein wacher Kerl, entschlossen und zupackend, der sich nach den Chancen der neuen Zeit umsieht. Das haben sie hier aus den Krisenzeiten gelernt, diesen zuversichtlichen Pragmatismus. Der lässt sie in die Zukunft blicken, ohne ihre Wurzeln zu vergessen. Merken Sie etwas? In diesem Charakter spiegelt sich auch das Programm von RUHR.2010 wider. Nicht von ungefähr haben wir es uns zum Ziel gesetzt, alle Menschen zu erreichen. Wir sind es dem Ruhrgebiet und seinen Menschen schuldig, Mut und Bereitschaft zum Wagnis zu zeigen. Und die Menschen sind bereit für RUHR.2010, sie freuen sich darauf, Gäste aus aller Welt willkommenzuheißen. Es gibt schon über tausend Ehrenamtliche, aber im Grunde genommen ist jeder Bürger ein Botschafter – das fängt beim Taxifahrer an.

news: In Medieninterviews haben Sie bereits vor Jahren betont, dass die Kulturhauptstadt Europa „kein einmaliges Feuerwerk“ werden dürfe. Wie stellen Sie sicher, dass das Ruhrgebiet auch nach 2010 kulturelle Strahlkraft behält?

Pleitgen: Das brauchen wir uns gar nicht vorzustellen, das kann man jetzt schon sehen. Die Nachhaltigkeit, die wir als Auftrag und nicht als Floskel verstehen, besteht bereits durch Bauten wie das Dortmunder U, Museum Folkwang oder Küppersmühle und auch dank außergewöhnlicher Projekte wie Emscherkunst, die als Biennale angelegt sind. Darum bauen wir auch nicht auf ein Festival der Stars, sondern schaffen Strukturen und schüren den Geist der Vernetzung und Kooperation. Und auch das bleibt den hoffentlich zahlreichen Touristen in Hirn und Herz: die kraftvolle Vielfalt der Kultur im Ruhrgebiet. Und die Erkenntnis, dass die neue Metropole Ruhr immer eine Reise wert ist – auch noch nach 2010 ...

news: Der Landesbetrieb Straßenbau NRW hat im Dialog mit Ihrer Gesellschaft mehrere Projekte wie „Still-Leben“ auf der A 40 oder die „Parkautobahn A 42“ vorangetrieben. Welchen Stellenwert messen Sie diesen Projekten und der Zusammenarbeit bei?

  Oliver Scheytt und Fritz Pleitgen (Foto: Peter Prengel)
  RUHR.2010-Geschäftsführer: Oliver Scheytt (links) und Fritz Pleitgen.
   
Pleitgen: Die Autobahnprojekte sind es, die gerade im Ausland für Aufmerksamkeit und Anerkennung sorgen. Das liegt sicherlich in unserer Geschichte begründet. Eine Parkautobahn zu kreieren, wie es mit der A 42 geplant ist, darauf muss man erstmal kommen. Und auch ein Ereignis wie die längste Tafel der Welt, wenn wir mit der A 40 die Herzschlagader des Reviers für einen ganzen Tag sperren, hat es in dieser Dimension noch nie gegeben. Wir füllen diesen Ort, der ohnehin mit vielen Emotionen aufgeladen ist, mit einer ganz neuen Bedeutung, indem wir die 170 Nationen aus dem Ruhrgebiet zu einem Begegnungsfest der Alltagskultur einladen. Wenn es läuft, wie wir uns das vorstellen, und davon bin ich überzeugt, erleben Sie am 18. Juli 2010 die Geburtsstunde des verbindenden Metropolengefühls.

news: Zum Abschied als Intendant hatten Sie einst einen Gastauftritt in der WDR-Serie „Lindenstraße“. Mal abgesehen von der fiktiven Fernsehstraße – fühlen Sie sich eigentlich persönlich auf den realen Straßen in Nordrhein-Westfalen ebenso wohl?

Pleitgen: Ach, eigentlich wälze ich meistens auf der Rückbank meine Aufgaben – Akten, Akten, Akten. Aber der Kreis schließt sich durchaus für mich, denn die „Lindenstraße“ wird sich ebenfalls am „Still-Leben“ beteiligen und an drei Tischen auf der A 40 womöglich sogar eine eigene Folge aufzeichnen!
 
Die Fragen stellte Michael Milewski.

Fotos: Nikolaj Beier, Peter Prengel

 

Hintergrund: Die Trägergesellschaft RUHR.2010

Die RUHR.2010 GmbH ist eine 2006 gegründete Trägergesellschaft, die für die Planung und Koordination des Europäischen Kulturhauptstadt-Jahres 2010 in Essen und dem Ruhrgebiet verantwortlich zeichnet. Beteiligt sind an dieser Gesellschaft der Regionalverband Ruhr, das Land Nordrhein-Westfalen, der Initiativkreis Ruhrgebiet und die Stadt Essen. Geschäftsführer ist neben Fritz Pleitgen auch der aus Köln stammende Oliver Scheytt, der als Professor für Kulturpolitik und kulturelle Infrastruktur an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg tätig ist.

 

 

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